Rundgang

Gemütlich spazieren und staunen

Die Gläsernen Gärten erstrecken sich auf einer Fläche von insgesamt 8 Hektar im Umgriff des Glasmuseums, an der Flanitz-Aue sowie auf den Arealen der Glashütten Poschinger und Eisch. Der Rundgang auf einer Länge von ca. 3 Kilometern ist barrierefrei in rund 90 Minuten gemütlich zu bewältigen. Wir starten auf dem Gelände der Glashütte Valentin Eisch und spazieren über das Glasmuseum zur Glasmanufaktur Freiherr von Poschinger. Natürlich kann der Weg auch in umgekehrter Richtung genommen werden.

Carmelo Lopez: „Weitblick“

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Carmelo Lopez spielt mit der Perspektive und Wahrnehmung des Betrachters: Fünf Figuren sitzen auf unterschiedlich hohen Holzstelen. Aus einem bestimmten Blickwinkel ergibt sich eine optische Täuschung, wonach sich alle Figuren auf abfallender Linie befinden und in eine Richtung blicken: auf die Stele mit der fünften Figur.

Thierry Boissel: „Antiphon“

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Thema der Installation ist das kommunikative Flanieren, das entspannte Spazieren in der Natur. Der Titel „Antiphon“ verweist sowohl auf das Wechselspiel von Licht und Glas als auch auf den Dialog zweier Menschen bzw. die andauernde Wiederholung von Erinnerungen. Thierry Boissel hat für seine Installation in den Gläsernen Gärten 150 Paare in Frauenau fotografiert – womit das Thema „Erinnerung“ unmittelbar mit dem Ort verbunden wird.

Korbinian Stöckle: „Zwischenwelt“

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In der Glasplatte spiegelt sich unsere Welt. Je nach Standort des Betrachters verändert sich die Arbeit mit ihren unzähligen Reflexen: in eine Wasserfläche, in die unmittelbare Umgebung (Bäume, Wolken, Himmel) oder ins eigene Spiegelbild. Die Reflexe verhindern jedoch direkte Einblicke in die Zwischenwelt: Durch die endlose Spiegelung der Glasfiguren unter der Erdoberfläche wird die Fantasie des Betrachters angeregt; er taucht ein in eine andere Zeit, wenn nicht gar in eine andere Welt.

Rike Scholle: „Growing“

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Die Auswirkungen eines lokal tobenden Orkans im Sommer 2011 haben Rike Scholle zu ihrem Objekt „Growing“ inspiriert. Die Überreste des extensiven Windbruchs stachen der Künstlerin förmlich ins Auge: entwurzelte, bizarre Strukturen auf gelichteter Fläche – wie auf einem Schlachtfeld. Doch: Zarte Glaselemente sprießen wir frisch-grüner Jungwuchs aus der entwurzelten Fichte. Die Objekte aus freihand geformtem Ofenglas symbolisieren die Kraft des Lebens, das unaufhaltsam voranstrebt und dabei stets neue Formen hervorbringt.

Scott Chaseling: „Hearth“

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Frauenau ist das gläserne Herz des Bayerischen Waldes. Hier sitzen die Manufakturen Poschinger und Eisch und spucken Glasprodukte von höchster Qualität und Ästhetik in die Welt hinaus. Den Frauenauer Glasschaffenden widmet Scott Chaseling sein Objekt „Hearth“ – was sowohl mit „Herd“, „Feuerstelle“, aber auch mit „Herz eines Hauses“ übersetzt werden kann. Indem Chaseling scheinbar wertlose Reststücke aus der Glasproduktion zur Installation zusammenfügte, entstand ein Kunstwerk mit neuem und ganz eigenem, feurig-loderndem Reiz.

Mark Angus: „Two Diving Figures“

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In Mark Angus’ Arbeiten geht es um Glas, Farbe und Licht, um das Spannungsfeld zwischen Abstraktion und figurativem Ausdruck. Aus Wasserstrahl-geschnittenem Floatglas, anschließend geätzt, silbergebeizt und emailbemalt, hat Angus „Two Diving Figures“ gestaltet. Die beiden Figuren stehen unentschieden zwischen Gegenwart und Vergangenheit, sind auf dem Sprung. Sie erzählen von den Grenzbereichen der Existenz, aber auch von der Verunsicherung und Selbstbezogenheit des gegenwärtigen Menschen.

Magdalena Paukner: „Das Urkraut“

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Eine Schachtelhalmkultur in einzelnen Wachstumsphasen: Die kleinsten Pflanzen lugen gerade erst aus dem Boden, die anderen sind bereits mannshoch. Der Schachtelhalm, ein Heilkraut, zählt zu den ältesten Pflanzen der Erde. Er wuchs schon lange vor den Dinosaurieren, vor 400 Millionen Jahren, und gilt als besonders anpassungsfähig und stark. Die Männer im Bayerischen Wald verwendeten den Schachtelhalm, der sich auch Zinnkraut nennt, früher als Hutschmuck: „Am Waidler sei Gamsbart!“

Eeva Käsper & Tiina Sarapu: „Imaginary Space“

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Die Installation spielt mit der räumlichen Wahrnehmung, mit Realität und Abbild. Sie bietet neue Perspektiven von vertrauter Umgebung und weckt gleichsam unsere betäubten Sinne: Unerwartetes erscheint, Erwartetes verschwindet, die Welt wird metaphysisch. „Imaginary Space“ unterliegt einem ständigen Wandel im Rhythmus mit der Natur und ihren Jahreszeiten, reflektiert den Sonnenaufgang und den Regen, das Gras und den Schnee, Frauenau und seine Umgebung.

Ron Fischer: „Himmelsschale“

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Die „Himmelsschale“ wurde für die Gartenschau Waldkirchen 2007 angefertigt, die unter dem Motto „Aufwärts, himmelwärts, alles zaubert Dich nach oben“ stand. Sie ist in Privatbesitz und ziert als Dauerleihgabe die Gläsernen Gärten von Frauenau.

Simone Fezer: „Lebensadern“

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Die Installation aus Fichtenholz und ofengeformten rubinroten Glaszapfen steht als Sinnbild für die historische wirtschaftliche Grundlage der Menschen im Bayerischen Wald: Holz und Glas als pulsierende Lebensadern – in der formalen Symbiose eine dynamische Einheit, wie sie die Menschen und ihre Geschichte geformt haben.

Stefan Stangl: „Stumme Diener“

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Der Figurengruppe liegt die Idee der stillen Diener- oder Wackelpagoden, diskriminierend auch „Nickneger“ genannt, zugrunde. Die vier Figuren wurden beweglich in ihre Metallrahmen montiert und nicken durch Antippen oder im Wind. Die Figuren selbst haben keine eigene Meinung, sie sagen nichts und stimmen durch Nicken einfach allem zu.

Raymond Martinez: „Ariane à Naxos“

IMG_5885JpgAus dem Boden auftauchend, tragen drei Betonelemente die funkelnden Fragmente einer Ikone aus der griechischen Mythologie: Ariane. Durch die Hochzeit mit dem griechischen Weingott Dyonysos stieg die menschliche Ariane, Tochter des kretischen Königs Minos, in den Olymp auf. Die Betonelemente des Fundaments zieren Reliefs, in denen sich das Antlitz Arianes immer wieder findet. Die daran anschließenden Glaselemente führen die Geschichte um Ariane fort. Während der Beton als Material das Profane, Irdische darstellt, symbolisiert das Glas die Verwandlung ins Mythische, Göttliche.

Alexander Wallner: „Lichtgewächs“

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Die Plastik zeichnet die gravierte Ornamentik barocker Gläser nach: Die Glasschneider des 18. Jahrhunderts, von der Natur inspiriert, übernahmen bevorzugt florale Motive in ihre Arbeit. Dieses Element der Glasgravur wird hier als eigenständiges Objekt in die Natur zurückgeführt.

Jeanne Melief: „Feniks“

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Mit Hilfe gefasster Buntglassteinchen, allerlei Farben, Silberfolie und Blattgold erweckte Jeanne Melief die abgestorbene Eiche am Museumssee zu neuem Leben. Der wiedergeborene Baum erzählt nun die Märchen von Phönix und der Wassergöttin Venus. Die antiken Griechen erschufen Phönix als Vogelgestalt, die uns Menschen bei Sonnenaufgang erscheint, in der Glut der Morgenröte verbrennt und aus ihrer Asche verjüngt wieder aufsteht. Phönix steht synonym für alles Wiederkehrende, für das beständige Neuerfinden – und letztlich für die Ewigkeit. Neues Leben schenkt auch Venus, die den Menschen als Göttin der Liebe zur Seite steht.

Renato Santarossa: „Poesia della Trasparenza“

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Wie die Segel eines Schiffs blähen sich die Flügel der Transparenz und reflektieren das Sonnenlicht im Tageslauf stets neu und anders. Die Form spielt in der Durchsicht mit der Silhouette des Museums. Die linearen Keilschliff-Elemente zitieren nicht nur die Linien des Baus, sondern erinnern zudem an die böhmische Veredelungstradition des Glasschnitts.

Renato Santarossa: „Galan und geheimnisvolle Dame“

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Die Gläsernen Gärten wachsen – und wurden im Sommer 2013 um zwei Installationen reicher: „L’Inchino“ („Der Galan“, l.) verbeugt sich respektvoll vor „La Dama misteriosa di Venezia“ („Die geheimnisvolle Dame aus Venedig“) . Künstler Renato Santarossa dankt der Gemeinde Frauenau für den Ankauf seiner beiden Objekte und sendet dem Bayerischen Wald „cordiale saluti“ – „herzliche Grüße“.

Erwin Schmierer: „Helena, Metamorphose, Narr“

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Die Gegensätze von Jugend und Alter, Schönheit und Vergänglichkeit hat Erwin Schmierer ins Zentrum seines dreiteiligen Beitrags für die Gläsernen Gärten gerückt: Die Büste der „Helena“ symbolisiert die schönste Frau ihrer Zeit, verweist aber zugleich auf die Schnelllebigkeit jeder ästhetischen Anmut. Die zweite Büste, „Metamorphose“, zeigt die Veränderung von Form und Zustand im Laufe eines Alterungsprozesses auf, der nicht nur Zerfall, sondern auch Zugewinn an Erfahrung und geistiger Reife bedeutet. Der „Narr“ ist lustig und zu jeder Faxe bereit. Vordergründig zumindest. Bei genauerer Betrachtung jedoch kommt die zerrissene Tragik der Figur umgeschönt, nämlich als Fratze, zum Ausdruck.

Sandra de Clerck: „Sieben Lämmer“

Sieben Lämmer

Sieben frisch geborene Lämmer, rein und pur: Sie symbolisieren die göttliche Kraft in der Natur, sind in Worte gefasste geistliche Gedanken über das Werden und Vergehen. Jedes Schaf, mag es nun tot sein oder nur schlafen, trägt eine Blumenwiese, die Natur, in sich und ist Teil einer friedvollen Szene, eines Hirtenidylls. Auf Beton-Untergrund gelegt, werden die Lämmer mit der „Kultur“ konfrontiert – was ihre friedliche Ruhe aber nicht stört.

Michael Gölker: „Dreiklang“

Dreiklang

Die Wassertropfen in Glas werden zum stehenden Bild. Überdimensional versinnbildlicht die Szene die Kraft eines Elements, das für die Natur von fundamentaler Bedeutung ist.

Ron Fischer: „Arche II“

Arche II

Die Reise eines Glasobjekts: Von 2003 an reiste die „Arche I“, ein fünf meter langes Glasschiff, vom Lusen aus zu 20 Orten beidseits der böhmisch-bayerischen Grenze. Böhmen wie Bayern, Künstler, Naturschützer, Glashüttenleute, Schüler und Touristiker schoben die Arche voran – in die Wälder des Nationalparks, zu den Glashütten, vor böhmische Kulturstätten. Das Projekt brachte die Menschen sowie die tragenden Inhalte ihrer Region zusammen und aus dem Kunst-Objekt „Glasarche“ wurde ein politisches Statement zur nachhaltigen Entwicklung der Grenzregion. Die Arche I steht unterhalb des Lusengipfels, die „Arche II“ für die Gläsernen Gärten ermöglichte das Münchner Ehepaar Marianne und Heiner Schaefer dank großzügiger Förderung.

Wilken Skurk: „Global Player“

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Die übermannshohe Skulptur „Global Player“ aus Stahl und Glas im Dachgarten des Museums ist die freie Interpretation eines Mercedes-Sterns, der gekrümmt und spinnenartig über die Wiese spaziert, in seiner Wucht bedrohlich wirkt, aber trotzdem leichtfüßig bleibt – ein Global Player eben.

Magdalena Jetelova: Ohne Titel

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Die 126 Glas-Ballons an der Südfassade des Glasmuseums sind das Ergebnis einer konzeptionellen Suche nach der richtigen Form für eine Installation, die bewusst das Typische und Charakteristische der Region aufgreift. In der Reihung – samt Spiel mit Größe und Perspektive – wird die Wand aus Glas zur metaphorischen Klimax. Die mundgeblasenen, verschieden großen Kugeln stehen synonym für Kontinuität, Wandel und zeitlose Schönheit.

Jens Gussek: „Herzstück“

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Das „Herzstück“ ist der plastische Ausdruck eines persönlichen Erlebnisses des Künstlers in Frauenau, das sein Leben entscheidend verändert hat. Es ist eine Liebesbezeugung an die vielen Menschen, die Jens Gussek im Laufe der Jahre in Frauenau kennengelernt hat. Dass Frauenau als „Gläsernes Herz an der Glasstraße“ bezeichnet wird, fügt dem Objekt eine weitere unmittelbare Bedeutung zu.

Petr Novotný: „Glass Tree“

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Die nordböhmische Stadt Nový Bor ist Partnergemeinde von Frauenau. Auch Nový Bor ziert ein gläserner Baum. Mit dem Frauenauer „Glass Tree“ erhielt die Freundschaft zwischen beiden Gemeinden ein weiteres sichtbares Element, das die Glastradition beider Orte und beider Regionen nicht nur symbolisiert, sondern auch verbindet.

Agnieszka Kaijper: „Garden Works“

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Das Material Glas verwandelt typische Gartenwerkzeuge in zarte, elegante Objekte. Sie werden zu Ausstellungsgegenständen und nehmen Bezug auf ein museales Thema, das im offenen Gelände eine andere Bedeutung gewinnt.

Barbara Zehner: „Leidenschaft“

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Hände greifen gemeinsam nach der Freiheit, durch das Wollen vieler Menschen entsteht eine neue Kraft. Die Grenzöffnung zwischen Bayern und Böhmen, der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 ist die Motivation hinter dieser Installation. Sie ist begehbarer Ort zum Innehalten und Besitzen – ein Ort, an dem Menschen Freiheit genießen können und der Raum schafft für Wünsche als Ursprung für die Zukunft.

Rike Scholle: „Expansion“

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Granit und Glas, die heimischen, bedeutsamen und symbolträchtigen Materialien des Bayerischen Waldes, finden Verwendung in Rike Scholles Skulptur. Granit als Zeichen der Beständigkeit, für das In-Sich-Ruhen, für gespeichertes Leben und alte Weisheit. Das Mineral, die Basis allen Seins, bildet den Rahmen für das Glas als Ausdruck der Fülle und des Lebens, des Hier und Jetzt. Es bricht in seiner Leichtigkeit, Transparenz und Verspieltheit heraus aus der strengen Form und Schwere – so, wie auch das Leben im Spiel der Formen immer wieder neuen Ausdruck findet.

Wilken Skurk: „Morgen geht die Sonne wieder auf“

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Seit Generationen prägen die Glasmanufakturen das kulturelle und landschaftliche Erscheinungsbild des Bayerischen Waldes. Frauenau ist seit Jahrhunderten wichtiges Zentrum der Glasproduktion, tausende Arbeiter stellten im Laufe der Zeit in der Poschinger- oder Eisch-Hütte Glas von höchster Qualität her. Jenen Arbeitern widmet Wilken Skurk seine Skulptur, die jedoch nicht als Denkmal im althergebrachten Sinn steht, sondern vielmehr als reale Setzung und Metapher aufgefasst werden soll. Die Skulptur ist optisch zweigeteilt: Zunächst strebt die Stele schräg gen Himmel. Ihre Dynamik wird unterbrochen und kehrt sich um, um anschließend erneut in anderer Richtung aufzustreben. Die Höhen und Tiefen der Glasmacherei im Bayerischen Wald verwandeln sich metaphorisch in eine Pflanze, die sich stets dem Sonnenlicht entgegenstreckt.

Fotos: Tom Wundrak/Ian MacAnderson/Alexandra von Poschinger